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Nancy Drew 19 -
The Haunting of Castle Malloy


Releasedatum: 10/2008

Entwickler/Publisher: Her Interactive  

Spielsprache: englisch

Homepage

 

ESRB: E for everyone (10+ empfohlen)

 

 

Ein Review von  slydos   07. November 2008

 

Die längste Adventureserie aller Zeiten entführt uns mit dem 19. Teil, The Haunting of Castle Malloy, nach Irland. Der Ort ist eine teilweise verfallene Burg, die Nancys Freundin Kyler Mallory geerbt hat und wo sie zu heiraten beabsichtigt. Nancy soll ihre Trauzeugin sein. In der Dunkelheit - das gesamte Spiel findet in einer Nacht statt - nähert sich Nancy mit ihrem Leihwagen auf einer einsamen Straße dem Anwesen und gleich geschieht etwas Aufregendes, Merkwürdiges ... und Nancy fährt prompt in den Graben! Für Spannung ist von Anfang an gesorgt.

Nachdem Nancy sich erholt und ihren Weg zur Braut gefunden hat, wartet schon die nächste Überraschung: Matt Simmons, Kylers Bräutigam, ist verschwunden! Nun, es soll ja vorkommen, daß Heiratswillige kurz vor der Hochzeit Muffensausen bekommen, aber die Umstände bei Matt sind zumindest mysteriös. Kyler, die mit beiden Beinen fest auf der Erde steht, glaubt eher an einen Scherz des immer zu solchen aufgelegten Matt und beauftragt Nancy mit der Suche.

Der muß man das nicht zweimal sagen. Sie nimmt Malloy Castle, den einzigen verbliebenen Hochzeitsgast, die nächtliche Umgebung und die nahegelegene Dorfkneipe unter die Lupe. Diesmal verstehen es die Macher von Her Interactive, eine spannende Geschichte zu erzählen, die ganz entschieden von der sonst verwendeten Whodunnit-Schablone abweicht und uns eine lange Zeit im Dunkeln tappen läßt, was da wirklich in den alten Gemäuern vor sich geht. Die Auflösung ist überraschend aber logisch. Auch wenn ich vom Ideenreichtum der Geschichte wieder mal begeistert bin, so muß ich darauf hinweisen, daß es durch die diesmal zahlreichen und harten Rätselnüsse im Mittelteil des Spiels zu einigen Längen kommen kann, die allerdings im letzten Drittel des Spiels durch eine rasante Entwicklung wieder wett gemacht werden.

 

Rätsel

The Haunting of Castle Malloy ist vollgepackt mit Rätseln und Minispielen. Gerade zu Beginn wird man in ungewohnter Manier mit ihnen allein gelassen und kann manchmal den Zusammenhang mit der Spielhandlung nicht erkennen. Zwar ist es möglich, zu Hause bei Ned, Bess und George anzurufen, aber Tipps gibt's von dieser Seite diesmal nicht. Dafür finden sich vermehrt Hinweise in der To-Do-Liste (nur im Junior-Modus) und den anderen Dokumenten, die Nancy anlegt, wie das auch schon im letzten Teil begonnen wurde. Darüber hinaus kann man sich an einem Wahrsageautomat Tipps gegen Tokens geben lassen - aber auch die sind manchmal kryptisch wie Glückskeksnachrichten. Hinzu kommt, daß man erst mal in den Besitz der Tokens mittels Minispielen gelangen muß: indem man nichtalkoholische Spezialdrinks mixt, am Dartautomat glänzt, den lokalen Drummer ersetzt oder in einer sehr begrenzten Zeit die Unterschiede zweier Bilder findet. Die Minispiele müssen 1x für den Spielfortgang erledigt werden, danach sind sie entweder Fun oder zum Erwerb der Spielwährung da, die man aber auch mal in einer dunklen Ecke finden kann.

Die Rätsel bestehen zu einem erheblichen Teil aus puzzleartigen Aufgaben, reichen von Schieberätseln über Türme von Hanoi bis zu Wägeproblemen. Dekodierrätsel arbeiten sich durch alle erdenklichen bekannten oder unbekannten Codes, sei es ein altes irisches Alphabet, astrologische Zeichen, Binärcode, Periodensystem und vieles mehr. Reine Logikaufgaben basieren sowohl auf grafischen als auch textlichen Vorgaben. Reihenfolgenrätsel, Inventarrätsel, Suchrätsel, Merkrätsel und andere werden in neuen komplexeren Zusammenhängen verbunden, so daß auch fortgeschritteneren Adventurespielern mehr als einmal der Kopf rauchen wird. Übrigens finden wir auch gleich zu Beginn wieder eine dieser typischen Nancy-Drew-Aufgaben, bei denen man nicht nur theoretisch wissen muß, wie die Lösung funktioniert, sondern sie auch ganz praktisch per Maus-Drag&Drop mit dem nötigen Gefühl für Gewicht, Entfernung und Winkel durchexerzieren muß. Diese Art von Geschicklichkeitsaufgaben gab's in der ND-Serie immer wieder, schon lange bevor Penumbra erfunden wurde. Manche Aufgaben, wie z.B. das Trommelspiel, haben mich eine Nacht Überschlafen gekostet. Aber diese Minispiele sind, wie auch schon in der letzten Folge, keine wirklich frustrierenden, unüberwindlichen Barrieren. Sie basieren trotz geforderter Schnelligkeit oder Genauigkeit überwiegend auf dem Durchdenken, Trainieren und Optimieren von Handlungsabläufen. Sie sind herausfordernd und machen zuweilen sogar in der Wiederholung Spaß.

Ebenfalls Spaß machen bis zu einem gewissen Punkt die GameOvers! Ja, das meine ich ernst. Denn bei jedem gravierenden oder gesundheitsgefährdenden Fehler wird man mit aktionsbezogenen und dem Verzweiflungsgrad angepaßten witzigen Kommentaren zum eigenen Versagen aufgezogen. Es gibt natürlich auch wieder Eastereggs die man 'ernten' kann, wenn man besonders ausdauernd oder penibel ist. Ihre Erwähnung in der abschließenden Spielerbewertung ist ja mittlerweise Tradition bei Nancy Drew. Die automatische Second-Chance-Option beim GameOver läßt die Spieler jedoch ohne Angst vorangehen. Die Spieldauer liegt auch im leichteren Juniormodus weit über der 20-Stunden-Marke, was an der Rätselmenge und einigen richtig schweren Rätselbrummern und Minispielen liegt. Dialogrätsel sind diesmal die Ausnahme - Nancy unterhält sich selten mit den anderen drei sichtbaren interaktiven Charakteren und beschränkt auch das Telefonieren auf ein Minimum. Ein richtig sympathisches Orientierungsrätsel in Form eines Moorlabyrinths wird man höchstens dann nicht im ersten Anlauf bewältigen, wenn man einen Schritt der Wegbeschreibung vergißt oder falsch interpretiert.

 

Charaktere

Diesmal will ich nicht das Fehlen von NPCs kritisieren, denn die Einsamkeit paßt bestens zum Gespenstersetting. Kritisieren möchte ich die Darstellung von Nancys Gegenüber: Kyler ist klug, witzig und macht einen zupackenden Eindruck. Sie wäre durchaus fähig, einen Teil der Entdeckungen, die Nancy während der Spielzeit macht, selbst herauszufinden. Sie erscheint mir für ihre Situation zu gelassen und augenzwinkernd, zu ortsgebunden und und unrealistisch untätig angelegt. Dasselbe gilt, wenn auch abgeschwächt, für den 'Freund der Familie' im Keller. Läßt man wirklich die gerade angekommene und sogar verunglückte Trauzeugin die Einladungskarten drucken oder ein paar Wunschkräuter suchen, während man selber die Beine mit einem guten Buch hochlegt und der eigene Bräutigam, die große Liebe, auf mysteriöse Weise verschwunden ist? Eine doch eher unglaubwürdige Darstellung, selbst für den fremdartigen, abgelegenen Schauplatz!

Genau wie im letzten ND-Adventure, "The Phantom of Venice", gibt es nur eine Figur im Spiel, die man vollständig mit allen guten Gaben ausgestattet hat: Kyler, die Braut. Sie wird in besonders detaillierter Nahansicht gezeigt, hat eine Unzahl an Gesichts-, Kopf-, Schulter- und Armbewegungen drauf, die absolut lippensynchron zu den Dialogen passen und einiges über ihren Charakter verraten. Ihre Sprechstimme überzeugt genauso wie die aller anderen bekannten und unbekannten Akteure. Witzig der schrullige Burgverwalter, der gern mal in der Kneipe einnickt und wieder hochschreckt.

Auch Nancy können wir diesmal betrachten! In den Außenbereichen um Malloy Castle steuern wir sie in isometrischer 3rd-Person-Sicht. In anderen Teilen der Serie hatten wir manchmal die Möglichkeit, Nancy's Auto oder ein anderes Verkehrsmittel in Draufsicht zu steuern, in New Orleans war es einmal möglich, sie selbst zu bewegen - zwar als Schatten, aber immerhin. Und in Venedig trat sie als Tänzerin in einem Katzenkostüm auf. The Haunting of Castle Malloy zeigt sie aber erstmals unmaskiert in echter Bewegung. Her Interactive macht jedoch nicht den Fehler, die Vorstellungen jedes einzelnen Fans über das Aussehen der Heldin zu zerstören, sondern nährt die Fantasie weiter durch eine nicht alles offenbarende Perspektive, die ein ganz neues Nancy-Drew-Feeling mit den entsprechenden neuen Rätselmöglichkeiten aufbaut.

 

Grafik/Sound

Mit teils märchenhaftem, teils gruseligem Design der Schauplätze und Details spiegeln die Macher übliche irische Klischees bis zu einem gewissen Punkt, um sich dann augenzwinkernd darüber hinwegzusetzen. Fein, denn im Gegensatz zu Danger by Design in Paris, wo man einfach nur langweilig in Stereotypen watete, kommt das auch der Story zugute. Wenn man auf die lange Reihe der Nancy-Drew-Spiele zurückschaut, so ist Teil 19 das Spiel mit der größten Bewegungsfreiheit, was dem Erkundungsdrang von Adventurespielern sehr entgegenkommt. Zwar kann man durch die freie Richtungswahl in der Dunkelheit schon mal von der Klippe fallen, aber wen stört das schon bei der eingebauten Second-Chance-Option! Die beschränkte Sicht durch den Laternenradius in der isometrischen Perspektive erzeugt Spannung und sorgt für manch überraschendes Zusammentreffen.

Die Schauplätze im Innern präsentieren sich in der bekannt guten ND-Grafikqualität. Manchmal kann man sich hier per Mausbewegung in 180 Grad stufenlos drehen, meist eröffnen jedoch Linksklicks feststehende Raumausschnitte, die man mit weiteren Mausklicks vergrößern und näher betrachten kann.

Gut platzierte Geräusche verstärken den Gruselfaktor, kleine Videoszenen sorgen für die notwendige Aufregung, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Irische Folkklänge von Kevin Mathei melden sich dezent von Zeit zu Zeit, strapaziert wird man nur beim wiederholten Abspielen der Trommelmelodie im Pub.

 

Handling/Steuerung

Es hat mich etwas gestört, daß man die Installation des Nancy-Drew-Start-Centers nicht verhindern kann. Ich hatte mir die Mühe nach dem letzten Teil gemacht, alle Referenzen hierzu aus der Registry zu entfernen. Und da ist sie wieder, die Auflistung der gesammelten Nancy-Drew-Werke, die immer wieder versucht, eine Internetverbindung aufzubauen. Naja, man kann das Startcenter umgehen, wenn man nicht auf das automatisch installierte Desktop-Icon klickt, sondern den Weg über das Windows-Startmenü sucht.

Geändert hat sich in der grundsätzlichen Point&Click-Steuerung von Teil 19 nichts gegenüber dem letzten Spiel. Hinzu gekommen ist die 3rd-Person-Steuerung im Freien per Point&Hold. Alle Neuerungen werden immer zu Beginn in Nancys Zimmer erklärt, man kann dort auch wie immer das Handling zunächst einmal ausprobieren.

Nancy hat diesmal eine kleine Geldbörse, die anzeigt, wieviel Tokens sie aktuell herumträgt. Die braucht man für den Betrieb der beiden Spielautomaten im Pub und den Wahrsageautomaten im Burgkeller. Für eine nicht spielrelevante Wahrsagung oder einen Tipp benötigt man 3 Token. Zuviel Aufwand für zuwenig Ergebnis, wenn man mich fragt. Die To-Do-Liste ist da der kostenfreie und bessere Rätselführer, die jedoch manchmal mit Hinweisen spoilert, die man gar nicht wissen wollte.

 

Lerneffekte?

Edutainment, wie wir es beim Phantom von Venedig zuhauf finden, kommt diesmal eher selten vor. Wir lernen ein wenig über Aussehen und Namen von Pflanzen und erfahren ein noch kleineres Bißchen über die Bennenung von chemischen Elementen und das Periodensystem, aber das war's diesmal schon. Wenn hier etwas lehrreich ist, dann wie in jedem anderen Adventurespiel die Erkundung der eigenen Möglichkeiten beim Überwinden von Rätselhürden, also die Know-How-Verbesserung in Logik und Vorgehensweisen, sowie das Training von Ausdauer und Konzentration.

 

Fazit

Nancy Drew 19 - The Haunting of Castle Malloy ist wieder ein gelungenes Beispiel der Reihe. Erstaunt hat mich diesmal die Rätselfülle mit hohem Schwierigkeitsgrad. Die Menge der Rätsel, die Nichtlinearität und das anfängliche Fehlen eines Handlungszusammenhangs hat die Story zwar streckenweise gezogen bzw. in den Hintergrund gerückt, aber es trotzdem nicht vermocht, Spannung und Unterhaltung entscheidend negativ zu beeinflussen. Da sind zuviele Überraschungen, Wendungen und fordernde Rätsel, die einen respektablen Ausgleich zu Fleißaufgaben, allzu bekannten Rätseltypen und Laufereien bilden. Nancy Drew Fans werden sehr zufrieden sein, Neueinsteiger könnten sich u.U. mit diesem Teil überfordert fühlen. Wer sich aber bei den Hardy Boys gelangweilt hat, sollte auf jeden Fall Castle Malloy eine Chance geben. Hier gibt's die knackigen Rätsel und die unvorhersehbare Auflösung, die sie dort vermißt haben könnten.

 

 Meine Gesamtbewertung: 78%

 

 

Bewertungssystem Adventure-Archiv:

  • 80% bis 100% sehr gutes Spiel (sehr empfehlenswert)
  • 70% bis 79% gut (empfehlenswert)
  • 60% bis 69% befriedigend (bedingt empfehlenswert, mit Abstrichen)
  • 50% bis 59% ausreichend (nicht gerade empfehlenswert)
  • 40% bis 49% ziemlich schlecht (eher abzuraten - etwas für Hardcore-Adventure-Freaks und Sammler)
  • 0% bis 39% grottenschlecht (lieber die Finger davon lassen)

 

Minimale Systemvoraussetzungen:

  • Windows XP/Vista
  • Pentium III 1 GHz
  • 128 MB RAM
  • 24x CDROM-Laufwerk
  • 1 GB MB auf der Festplatte
  • 32 MB DirectX kompatible Grafikkarte
  • 16 bit DirectX kompatible Soundkarte

gespielt mit:

  • Windows XP
  • Pentium IV 3,6 GHz
  • 2 GB RAM
  • 48x DVD-ROM
  • NVidia GeForce 7600GS 256 MB
  • Soundkarte DirectX-kompatibel

 

Copyright © slydos für Adventure-Archiv, 07. November 2008

 

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Kein besonders herzlicher Empfang für Nancy
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Die Braut - An Irish Lass
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Da fehlen noch ein paar Zahnräder
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Ein Edelsteindieb
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Das Otterrätsel ist schwieriger als es aussieht
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Kit Fowley, der beste Freund des Bräutigams
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So siehts aus, wenn Nancy die Gegend erkundet
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Im Sumpf kann man leicht abtauchen
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Hinter der Bar kann man sein Trinkgeld aufbessern
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Die irischen Kreuze verbergen etwas
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Hier scheint jemand zu wohnen
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Was für ein Gewusel!
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Wir müssen auch das Periodensystem zu Rate ziehen
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Nächtliche Versammlung
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